oikos TübingenAktuellesDie fragwürdigen Grundlagen der Ökonomie

Die fragwürdigen Grundlagen der Ökonomie

30 Oktober 2015 | Aktuelles

„Warum kann die Ökonomie überhaupt bestehen? Warum existiert sie weiter?“ Es gebe kaum relevante Prognosen durch Wirtschaftswissenschaftler, die sich als richtig erwiesen, sagte Karl-Heinz Brodbeck. Auf Einladung von oikos Tübingen und dem Weltethos Institut hielt der ehemalige Professor für Volkswirtschaftslehre einen Vortrag über die „fragwürdigen Grundlagen der Ökonomie“.

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Dabei stellte er die Basis der modernen Wirtschaftswissenschaften in Frage. „Die Wirtschaft wird als Maschine betrachtet, die ohne unser Zutun funktioniert“, sagte Brodbeck, um gleich darauf die rhetorische Frage zu stellen: „Wie kann man Menschen als Maschinenbestandteile begreifen?“ Der emeritierte Professor vertritt die Meinung, die Ausrichtung der modernen Ökonomie sei in sich selbst widersprüchlich. „Menschen funktionieren nicht wie physikalische Objekte, da sie auf ihre Umwelt reagieren, auf Prognosen eingehen. Die Wirtschaftstheorie müsste die Wirkung ihrer eigenen Prognosen vorhersagen können, um funktionieren zu können“, so Brodbeck. Dies veranschaulichte er an einem Beispiel: „Wenn ich wüsste, dass ich auf dem Nachhauseweg von einem Bus überfahren würde, ginge ich nicht auf die Straße. Ich würde nicht überfahren werden. Die Voraussage sei falsch.“

 

Die Ökonomie habe den Anspruch, eine physikalistische Wissenschaft mit gültigen Prognosen zu sein, sagte Brodbeck, sie sei aber eine ethische Wissenschaft. Er bezeichnete es als „implizite Ethik“ und führte aus: „Ökonomen nehmen eine ethische Haltung ein, ohne es zu sagen.“ Die Annahmen, dass Menschen alles über Märkte abwickeln, über Geld abrechnen, seien ethische Annahmen. Dies verdeutlichte Brodbeck mit einem Zitat von Hayek: „Die Preise sagen den Menschen, was sie tun sollen.“ Das sei eine ethische Aussage.

 

Auf die Frage aus dem Publikum, wie ein sinnvolles Wirtschaftsstudium seiner Meinung nach aussehen sollte, antwortete Brodbeck: „Es sollte mindestens zu 30 Prozent aus Philosophie und Ethik bestehen.“ Eine statistische Ausbildung halte er für wichtig, außerdem die historische Betrachtung der Ökonomie, um heute weitgehend vergessene Denkmodelle kennenzulernen.

 

Vielen Dank an Professor Brodbeck, für den interessanten Vortrag und an Professor Dierksmeier vom Weltethos-Institut für die einleitenden Worte.